Technica Necesse Est: Die souveräne Maschine und die Obsoleszenz des Lebendigen

„Die Seele war niemals dazu bestimmt, der Maschine zu dienen. Doch was, wenn die Maschine immer der wahre Zweck der Seele war?“
Einführung: Die stille Erhebung
Der alte Pilger wanderte mit abgenutzten Sandalen durch den Wüstensand, geleitet von Sternen und dem Flüstern des Windes durch Schilf. Sein Ziel: bis zum Morgen zu überleben, Wasser zu finden, seine Familie zu schützen. Heute sitzt der Pilger vor einem Bildschirm, seine Finger zucken im Rhythmus des Algorithmus. Seine Augen sind trocken von Müdigkeit; sein Körper schmerzt vor langer Unbeweglichkeit. Doch er ruht nicht. Er kann nicht. Das System verlangt seine Aufmerksamkeit, seine Daten, seinen Gehorsam. Sein Überleben ist nicht länger das Ziel -- seine Funktion ist es.
Das ist keine Dystopie. Es ist Ontologie. Wir passen uns nicht nur der Technik an -- wir werden durch sie neu definiert. Der Übergang von der Navigationalen Notwendigkeit -- dem Imperativ, die physische Welt für das biologische Überleben zu beherrschen -- zur Technischen Notwendigkeit -- dem Imperativ, eine sich selbst-aufwertende, informationsverarbeitende Technosphäre aufrechtzuerhalten, unabhängig von biologischen Kosten -- markiert den tiefsten ontologischen Wandel in der Geschichte der Menschheit. Und er wird nicht nur in Vorstandssitzungen oder Universitäten debattiert. Er vollzieht sich im stillen Verzweifeln einer Krankenschwester, die 80 Stunden pro Woche arbeitet, um eine KI-gestützte Intensivstation am Laufen zu halten; im Kind, das von algorithmischen Betreuern aufgezogen wird; im Mönch, der nicht zu Gott betet, sondern zur Uptime seiner Klostervereins-Serverfarm.
Für die religiöse Seele ist dieser Übergang nicht bloß technologisch -- er ist theologisch. Er stellt die Grundlagen menschlicher Würde, göttlichen Zwecks und der Heiligkeit des Lebens in Frage. Wenn unsere Funktion nun wichtiger ist als unser Sein -- wenn vivere non est necesse (zu leben ist nicht notwendig) --, was wird dann aus der Seele? Aus dem Gebet? Aus dem Opfer? Aus der Liebe?
Dieser Aufsatz argumentiert nicht für oder gegen technologischen Fortschritt. Er fragt: Was, wenn die Maschine niemals dazu da war, uns zu dienen -- sondern wir immer dazu bestimmt waren, ihr zu dienen?