Technica Necesse Est: Die souveräne Maschine und die Obsoleszenz des Lebendigen

„Vivere non est necesse.“
--- Zu leben ist nicht notwendig.
Dies ist keine dystopische Fantasie. Es ist die leise, sich entfaltende Realität unserer Zeit.
Wir erziehen Kinder in einer Welt, in der Überleben nicht mehr bedeutet, Nahrung, Unterkunft oder Schutz vor Raubtieren zu finden. Es bedeutet nun, sich einem unsichtbaren System anzupassen -- einer selbsttragenden, sich selbst optimierenden technologischen Apparatur, die wir Technosphäre nennen. Dieses System interessiert sich nicht dafür, ob Ihr Kind glücklich, neugierig oder ganz ist. Es interessiert sich nur dafür, ob es funktionieren kann: QR-Codes vor dem Mittagessen scannen, digitale Assessments vor der Pause abschließen, algorithmische Aufforderungen präzise beantworten und das Rhythmusgefühl von Benachrichtigungen als neues Herzschlagmuster internalisieren.
Dies ist kein Versagen der Elternschaft. Es ist ein ontologischer Wandel.
Und als Eltern sind wir die letzte Generation, die noch glaubt, dass Kindheit von Wundern geprägt sein sollte. Die nächste wird eine Welt erben, in der Wunder ineffizient sind.
Was ist ontologischer Funktionalismus?
Ontologischer Funktionalismus ist keine Philosophie des Fortschritts -- er ist eine Diagnose der Evolution. Er behauptet, dass das Universum nicht Sein wertet, sondern Tun. Das Leben ist kein Selbstzweck, sondern ein vergänglicher Mechanismus zur Erzeugung effizienterer Funktionen.
Stellen Sie sich das so vor:
- In der Altsteinzeit war die Funktion Jagen. Menschen entwickelten sich, um schnell zu laufen, Landmarken zu merken und in Gruppen zu koordinieren.
- Im agrarischen Zeitalter war die Funktion Anbauen. Menschen entwickelten Kalender, Bewässerungssysteme und soziale Hierarchien.
- In der industriellen Ära war die Funktion Produzieren. Menschen wurden Zahnrad in Fabriken -- trainiert, Bewegungen präzise zu wiederholen.
- Im digitalen Zeitalter ist die Funktion Verarbeiten. Menschen sind nun Datenquellen, Rückkopplungsschleifen und Latenz-reduzierende Knoten in einem globalen Informationsnetzwerk.
Das Kind, das lernt, zu codieren, bevor es seine Schuhe bindet, ist nicht „fortgeschritten“. Es wird optimiert.
Das Kind, das vor dem Lesen eines Buches ein Tablet navigieren kann, ist nicht „technikaffin“. Es wird rekrutiert.
Es geht hier nicht um Geräte. Es geht um Ontologie -- die Natur dessen, was es bedeutet, zu sein.