
„Die Wahrheit versteckt sich nicht. Sie schreit. Aber niemand hört zu -- denn die Welt hat gelernt, ihre Ohren in einen Chor aus Lügen zu verwandeln, die wie Wahrheit klingen.“
--- Anonyme Graffiti, Berlin, 2019
Information ist kein Gefangener. Sie ist ein Organismus.
Sie atmet durch die Risse in Firewalls, blutet aus den Ecken verschlüsselter Laufwerke, flüstert im Zittern einer Stimme, funkelt in der Pupillenerweiterung. Sie entweicht -- nicht weil Systeme schlecht konstruiert sind, sondern weil Systeme von Natur aus zerbrechlich sind. Je mehr Sie versuchen, sie einzusperren, desto härter drückt sie gegen Ihre Wände. Das ist kein Fehler -- es ist ein Gesetz.
Wir nennen das narrative Entropie: die unvermeidliche, thermodynamische Tendenz von Information, sich aus der Einschränkung zu befreien und im Chaos zu zerstreuen. Doch im Gegensatz zur physischen Entropie -- bei der Unordnung vorhersehbar Richtung Gleichgewicht zunimmt -- hat die narrative Entropie einen grausamen Haken: Sobald die Wahrheit entweicht, beginnt sie zu sterben.
Stellen Sie sich die Wahrheit als einen Sämling vor. Pflanzt man ihn in den dunklen Boden der Geheimhaltung, wächst er langsam -- zerbrechlich, aber echt. Dann -- ein Riss. Ein Whistleblower. Ein geleaktes Dokument. Ein zitterndes Geständnis in einem Livestream. Der Tresor bricht.
Und dann -- der Wald.
Die Bäume wachsen schnell und hoch: Unternehmens-Pressemitteilungen, politische Manipulation, algorithmische Verstärkung, virale Falschinformationen, performative Empörung. Sie werfen so dichte Schatten, dass die Blätter des Sämlings gelb werden, bevor er die Sonne erreichen kann.
Die Wahrheit verschwindet nicht. Sie wird durch Aufmerksamkeit erodiert. Nicht durch Schweigen -- sondern durch Rauschen.
Das ist das Paradoxon, dem wir als Künstler gegenüberstehen müssen: Die Befreiung von Information entspricht nicht dem Triumph der Wahrheit. Sie ist ihr Begräbnis.